Andra Keay macht was mit Robotern. Sie ist Roboter-Flüsterin, sozusagen. Als Managing Director von Silicon Valley Robotics in Kalifornien verfolgt sie nicht nur den Anspruch, gute Roboter zu bauen. Sie ist interessiert in gesellschaftlichen Entwicklungen, spürt der Frage nach, wieviel echte Männlichkeit tatsächlich in der Technologie steckt, und wieviel wir hineinreden. Und sagt, dass Vielfalt viel mehr ist als weiblich und männlich. (English version as video)

Auf dem Zukunfts-Summit Mobility Quotient bei Audi in Ingolstadt hatte ich mit erminas-CEO Hilmar Bunjes die Gelegenheit, Andra einige Fragen über Frauen in der Technikbranche zu stellen. Hilmar wünscht sich ein diverses Technik-Team, vor allem aber ein ausgeglichenes Team von Frauen und Männern. Und das aufzubauen ist gar nicht so einfach…

WoW: Andra, bitte erzähl uns etwas über Deinen Weg wie Du Roboter-Expertin geworden bist.

Andra Keay auf dem Mobility QuotientAndra Keay: Als Kind war ich sehr interessiert an Raketen und Robotern und all diesem “geeky” Zeug. Und was mich am meisten überraschte war die Überraschung der Leute darüber. Ich hörte ständig Bemerkungen wie: “Das ist ungewöhnlich für ein Mädchen.”

Ab einem bestimmten Punkt wurde mein Interesse für die Technologie übertroffen von meiner Neugier darüber, warum die Gesellschaft meint, dass Technologie etwas geschlechterspezifisches sei.

So landete ich dann bei der Robotik mit dem Fokus auf Mensch-Roboter-Interaktion. Und interessierte mich dafür welche Rolle die Gesellschaft bei der Einführung neuer Technologien spielt. Hat Technologie ein Geschlecht? Oder ist die Art und Weise, wie wir Technologie einsetzen und mit ihr interagieren geschlechterspezifisch?

Und wie wirkt sich das auf die Technologien der Zukunft, zum Beispiel auf die Robotik aus?

WoW: Hilmar, warum willst Du ein gleichmäßig gemischtes Team aus Frauen und Männern in Deinem Development-Team haben?

Hilmar Bunjes: Ich denke, die Art und Weise, wie Männer und Frauen an Technologieprobleme und auch an philosophische Probleme herangehen, ist ziemlich unterschiedlich. Und ich glaube ein gleichmäßig gemischtes Team kann das beste aus einer Technologie heraus holen, und die besten Lösungen finden. Und das sind dann eben nicht nur die “männlichen” Lösungen.

Die Gesellschaft ist zur Hälfte männlich und zur Hälfte weiblich. Deshalb macht es für mich Sinn, auch ein entsprechend gemischtes Team einzusetzen.

Andra: Die Vielfalt in Teams ist von entscheidender Bedeutung! Und einer der besten Wege Vielfalt zu erkennen ist sich zu fragen: Wie sieht meine Umgebung aus? Die Gesellschaft in der wir agieren?Dabei geht es nicht nur um die Geschlechtervielfalt, sondern auch um die ethnische Vielfalt und um die altersbedingte Vielfalt.

Wir sollten uns fragen: Repräsentieren wir, wie die Gesellschaft wirklich aussieht? Oder gehören wir zu einer Elite-Gruppe die einfach darüber entscheidet, eine Technologie zu bauen, die Einfluss auf das Leben aller haben wird?

Jeder, der eine Technologie nutzen wird, sollte auch an deren Entwicklung und Gestaltung beteiligt sein. Und so erhältst Du auch viel bessere Einblicke in die Gestaltungsmöglichkeiten einer Technologie.

Hilmar Bunjes, CEO erminas GmbHHilmar: Wir haben jetzt eine Tochter, und wir würden sie gern für Technologie interessieren. Ich möchte sie nicht dazu überreden Software-Entwicklerin zu werden, oder so.

Aber ich wünsche mir, dass sie sich für Technologie interessiert. Wir haben ihr den Namen “Ada” gegeben, als ersten Schritt 😉 , aber vielleicht hast Du noch eine Idee zu einem zweiten Schritt, wie wir Technologie für sie interessant machen können.

Andra: Ich habe auch Töchter. Söhne UND Töchter.

Was ich früh gelernt habe ist, dass Du Deine Kinder zwar in Richtung Technologie mitnehmen und interessieren kannst. Aber sie werden solange nicht in diesem Bereich bleiben wollen, bevor Technologie-Jobs nicht besser sind als heute.

Und ich denke, das ist einer der Schlüssel. Die Menschen fragen immer: “Wie können wir Frauen für Technologie interessieren?” Und diese Frage streut Salz in offene Wunden, denn aktuell werden Frauen nicht so häufig befördert wie ihre männlichen Kollegen, sie werden nicht so gut bezahlt wie ihre männlichen Kollegen, und sie müssen mit schlechten Arbeitsbedingungen fertig werden.

Und da fragen wir uns immer noch, warum Frauen nicht an Technologie interessiert sind. Nun, einige der schlauen Frauen schauen sich die Konditionen und Arbeitsbedingungen in der Technologiebranche an und denken: “Ich sollte lieber in die Medizin gehen.”

Der nächste Schritt wäre jetzt also: Lasst uns zuerst den Job ‘reparieren’.

Und dann werden wir vermutlich feststellen, dass sich eine Menge mehr Leute für diesen Job interessieren werden.

WoW: Was denkst Du über die These, dass Frauen besser darin sein sollen, eine Künstliche Intelligenz zu programmieren, als Männer? Ist das eher provokant gemeint oder denkst Du, da ist was dran?

Andra: Es ist ein bisschen von beidem.

In den frühen 60er Jahren ist wissenschaftlich nachgewiesen worden, dass Frauen die besseren Astronauten wären. Unter anderem, weil sie einen niedrigeren Schwerpunkt haben. Und es gibt viele weitere physiologische Faktoren, einschließlich ihres Kreislaufs und ihres Herzens, und sie haben eine bessere räumliche Wahrnehmung.

Viele dieser Erkenntnisse summierten sich, und man war überzeugt davon, dass Frauen die besseren Astronauten wären. Aber das Weiße Haus strich die Finanzierung für das Astronautenprogramm der Frauen wegen des “Wettlaufs ins All”. Ironischerweise schickte Russland ein Jahr später die erste Frau ins All.

Aber eine der Frauen, die mich vor ein paar Jahren inspirierte, sagte: “Warum sollten Frauen keine Programmierer sein? Dazu braucht man keine Muskeln.”

Und das hat mich dazu gebracht, über die vermeintliche Maskulinität bestimmter Aufgaben nachzudenken. Ob sie wirklich muskel-bedingt sind?

Aber ob Frauen BESSERE Programmierer sind? Oder einfach ANDERS programmieren? Ich glaube das nicht.

Ich glaube, dass die Vielfalt zwischen den Menschen größer ist, als die zwischen den beiden Gruppen männlich und weiblich. Und ich denke, dass wir diese Vielfalt aus beiden Gründen fördern müssen.

Aber im Moment ist klar, dass es in diesen Bereichen nicht genug Frauen gibt. Und das ist etwas, das wir immer wieder ansprechen sollten.

WoW: Danke Andra! Das war sehr interessant!

Hilmar: Ebenfalls vielen Dank!

Andra: Es war mir ein Vergnügen.

Das ganze Video mit Andra Keay und Hilmar Bunjes (english)

Die Rede von Andra Keay beim Mobility Quotient #audiMQ 2018

(gekürzt)

Siehe auch: Warum das Frauenproblem bei Wikipedia so tief sitzt