Die Geschichte der Digital Natives, das ist eine Geschichte voller Missverständnisse. In der Vorstellung von Recruitern sind Digital Natives Menschen, die mit dem Wissen des Internets im Kopf und dem Smartphone in der Hand geboren wurden. Für sie kann es gar nicht anders sein, als dass diese Leute – so etwa ab 1980 geboren und mit Online-Devices aufgewachsen – absolut online-, technik- und medienaffin sein müssen. Dass sie Social Media im Blut und digitales KnowHow in den Genen haben. Dass sie alle Geeks sind, Technik-Experten per Geburt. Und das ist ein Irrtum. Die meisten sogenannten “Digital Natives” sind Digital Losts.

Reden wir erst mal über die Definition von “Natives” im Deutschen: Wenn wir diesen Begriff verwenden, dann implizieren wir damit Natürlichkeit, für uns ist ein “Native” ein Eingeborener oder Ureinwohner. Jemand, der sich in seinem natürlichen Umfeld absolut zurecht findet. Weil er darin aufgewachsen ist.

So weit, so gut: Die Generation Y, die so etwa ab 1980 geboren wurde, die hat Mitte der 1990er Jahre tatsächlich schon irgendwie das Ankommen des Internets bei der breiteren Masse mitbekommen. Zumindest durch die Medien, zum Beispiel beim ZDF wurde das Internet 1996 erklärt, und wenn man sich das Video mal anschaut stellt man fest: So richtig sexy war das aber erstmal nicht.

Internet? Das ist doch dieser Nerdkram…

Und wer in seiner Kindheit in den Achtzigern nicht bereits dank digital interessierter Eltern oder Freunde einen Computer oder wenigstens ein Konsolenspiel wie Pong, Space Invaders oder Pacman bedient hatte, dem ging auch dieser neue Internet-Hype erst mal am Allerwertesten vorbei. Das war genauso langweiliger Nerdkram, wie alle anderen Computerkisten vorher auch.

Das Einwählen mit dem Modem, das Diskutieren in Usegroups, CompuServe-Gruppen oder AOL-Chats, das Bauen von ersten eigenen Homepages, bei denen man beim Start noch keinen Schimmer hatte, was man da überhaupt drauf schreiben sollte, blinkende Baustellen-gifs, das Suchen nach – irgendwie – spannenden Seiten und Stress mit den Eltern, die endlich wieder auf der “vom Internet belegten Telefonleitung” telefonieren wollten, das fand der Großteil der in den Achtzigern geborenen Jugend doch alles eher öde und uncool.Under Construction anno 1996

Wir waren Digital Pioneers – und erst mal ziemlich alleine

Deutsche Internetnutzer 19961996 waren wir in Deutschland gerade mal 2,5 Millionen Internetnutzer – es gab mehr Leute, die zu Cotton Eye Joe Square Dance tanzten.

Wenn es in meinem Freundeskreis, der Menschen zwischen 23 und 33 Jahren umfasste, damals nicht Nerds und Geeks gegeben hätte, die ohnehin schon dicke Computer-Bücher für DataBecker schrieben oder einfach Seiten bauten, um Seiten zu bauen und um mich dann zu fragen, ob ich da irgendwas reinschreiben könnte, dieses Nerdzeug wäre einfach auch an mir vorbei gegangen. Denn in meiner direkten Familie fanden Computer einfach nicht statt.

So wuchsen meine Freunde und ich in dieses Internet hinein, das damals noch recht überschaubar und auch noch ziemlich unschuldig und harmlos war: Viren, ungewollt abgeschlossene superteure Online-Abos, und bei Suchanfragen bei Fireball, AltaVista oder MetaGer versehentlich mitgefundener Schmuddelkram, fragwürdige Trends wie Pranks, unzensierte Bilder von Kriegsopfern, frei zugängliche Action-, Horror- und Snuff-Filme gab es noch nicht – oder waren sehr selten.

Und die Print-Medien versorgten uns mit den “besten 1.000 Internetadressen” und erklärten was Links und e-Mail-Adressen sind.

Und wir wuchsen nicht nur hinein, wir gestalteten es auch mit. Die einen durch technisch immer ausgefuchstere Möglichkeiten, wie zum Beispiel Bulletin-Foren und Blogsoftware und Flash, die anderen durch Inhalte und das Etablieren einer Netiquette, die bis heute gültig sein sollte.

Born in the Nineties?

Menschen, die dann in diesen 90ern geboren wurden, müssten per Wikipedia-Definition erst recht “Digital Natives” sein, weil sie eine Welt ohne Internet gar nicht mehr kennen. 2007 erlebten sie die Einführung des ersten Smartphones, das dann auch dafür sorgte, dass jeder jederzeit das Internet in der Tasche haben konnte.

Völlig schlüssig soll es dann sein, dass die sich dann im Umgang mit diesen Medien, mit den technischen Geräten, mit dem “Leben im Netz” besonders wohl fühlen müssten, denn für sie wurde der Zugang dazu besonders einfach gestaltet.

Und genau da liegt auch der Hund begraben: Der Zugang schon, nicht aber der Umgang damit.

Hinein geboren, aber nicht hinein geführt

Ballonroboter CodeWeek 2018

Keine Angst vor diesem gruseligen Internet?
Foto: SandraSchink/CodeWeek

Am Waldrand geboren und aufgewachsen zu sein, bedeutet nicht auch, sich automatisch im Dschungel zurecht finden zu können.

Die Eltern des Neunziger-Jahrgangs, das sind überwiegend die, die in den Sechzigern und – wie ich – in den Siebzigern geboren wurden, und die sich bis heute genau so viel oder so wenig für das Wehen und Wirken im Internet interessieren, wie schon Mitte der Neunziger bei der Ankunft des Internets in unsere Privatleben.

Entweder waren sie von Anfang an mitten drin und haben aktiv mitgestaltet oder mindestens mitgenutzt, haben gesehen und erlebt wie sich das Internet mit all seinen positiven und auch negativen Aspekten entwickelt hat, und fühlen sich deshalb bis heute darin verhältnismäßig sicher.

Oder sie sind erst sehr spät eingestiegen, viele erst als die Sozialen Netzwerke sich etablierten, ab Mitte der 2000er.

Viele aber auch bis heute gar nicht.

Und wenn deren Kinder nicht auch durch ein leicht nerdiges Umfeld oder aber durch eine gute Vorbereitung in der Schule – und zwar in allen Fächern, von Informatik über Philosophie bis Religion oder Ethik – ab der ersten Klasse auf dieses Internet vorbereitet werden konnten, dann verschwanden diese Kinder einfach ohne Führung in diesem inzwischen unendlich tiefen, unübersichtlichen, undurchschaubaren und auch gefährlichen Internet-Dschungel, ohne jemanden dabei zu haben, der sie führte. Bis heute.

Orientierungslos im Internet-Dschungel: Digital Losts

“Natives”, das sind Einwohner, Ureinwohner, Eingeborene, die in den Dschungel hinein geboren werden, und deren Eltern, Verwandte und Nachbarn ihnen von klein auf und im Alltag zeigen, wie man dort zurecht kommt.

Was man dort essen und was man dort lassen sollte, was sie bedroht und was ihnen nützt. Wer Freund und wer Feind ist. Welches Tier gefährlich, welche Pflanze giftig ist, was sie sammeln und wie sie jagen können. Wie sie sich – und ihre Familie – schützen können.

Wie man sich benimmt, Bekannten und Fremden gegenüber. Wie man sich verhält, wenn einem etwas Unerwartetes und Erschreckendes begegnet.

Diese Begleitung ins Internet gab es für sehr sehr viele Kinder und Jugendliche nicht.

Helikopter-Eltern am digitalen Waldrand

Bis heute ist es so, dass Eltern zwar ihre Kinder in tonnenschweren SUVs bis zur Schultür kutschieren und auch sonst alles tun, damit den Kleinen in der Welt da draußen vor der realen Tür kein Unbill geschieht. Die mit Lehrern aufwändige Diskussionen über vermeintlich unfaire Benotungen führen und dem Reisebus hinterher fahren, wenn die erste Klassenfahrt ansteht.

Die ihren Kindern aus dem selben Grund ein Smartphone in die Hand drücken, damit diese auch jederzeit um Hilfe rufen können, wenn sie in der Welt da draußen irgendein Problem haben – und sei es nur, weil sie nicht im Regen 500 Meter von der Bushaltestelle nach Hause laufen wollen.

Die aber verhältnismäßig sorglos oder einfach auch hilflos sind, wenn sie ihren Kindern mit dem Smartphone auch eine Welt mitgeben, die so groß, unübersichtlich, kompliziert, komplex, verstörend und gefährlich sein kann, dass die Auswirkungen uns heute noch gar nicht ganz klar sind.

Diese Eltern und auch Lehrer stehen unsicher an diesem digitalen Rand des Dschungels und rufen ihren Kindern ein zögerliches: “Aber lauf nicht zu weit rein!” hinterher. Und denken nicht selten dabei: “Naja, das ist ja nur virtuell…”

Eltern-Generation digital Abgehängter

Dass heute in Deutschland so ein großes Misstrauen gegen neue Technologien und derer vermeintlichen Unkontrollierbarkeit herrscht, könnte mit eben jenen Menschen zusammenhängen, die erst spät als Erwachsene oder eben unbegleitet als Jugendliche in ein bereits bestehendes komplexes Internet geraten sind und dabei mit dem Gefühl allein gelassen wurden, dass sie dort nichts kontrollieren können. Das Gefühl des Ausgeliefertseins, das Gefühl dass die eigenen Daten geklaut und missbraucht werden können, das Gefühl dass Technik einen Menschen überwältigen könnte, das sind Ängste die Menschen haben, die irgendwann in einem fremden Dschungel ausgesetzt wurden, und die dort Unbekanntem und Gefahren begegnet sind, die sie nicht verstanden haben und denen sie nichts entgegenzusetzen hatten.

Digitale Mündigkeit fördern

Boris Crismancich

Scouts in den digitalen Dschungel
Foto: SandraSchink/CodeWeek

Dabei gibt es  inzwischen viel Unterstützung und echte Hilfe und Förderung:

In Initiativen wie Jugend hackt, die Körber-Stiftung unter anderem mit der CodeWeek, die Hamburger Hackerschool und vielen vielen anderen arbeiten Dschungel-Scouts aktiv und engagiert daran, dass unsere Jugend eine digitale Mündigkeit erlangt und dazu beitragen kann, dass der Internet ein guter, inspirierender, sicherer, kreativer und hilfreicher Ort sein kann, der das ganze Leben bereichern und erleichtern kann.

Und wenn endlich die Schulen mit dazu aus- und weitergebildeten Lehrern in ALLEN Fächern ihren Teil dazu beitragen, dann kommen wir vielleicht irgendwann dahin, dass es keine jungen Menschen mehr gibt, die einfach ohne große Vorbereitung, ohne Basis-Wissen ins Internet geschubst und dort allein gelassen werden.

Es gibt nicht die “Generation Digital Natives”

Bis dahin sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass “Digital Natives” keine Generation sind. Sondern Menschen, die alltäglich in das Internet hinein geführt wurden, die mit Basiswissen, Gestaltungswerkzeugen, Verhaltenstipps hinein begleitet wurden, und die gewappnet und ausgebildet wurden – für und gegen alles, was einem in diesem Internet begegnen kann.

Und wie digital fühlst Du Dich?

View Results

Loading ... Loading ...

Erzähl doch in den Kommentaren mal, warum – oder was Du über diese “Digital Natives” denkst.

Weiterführende Links

Handelsblatt, Lisa Oenning: Von wegen “Digital Natives”

Jetzt, mad: Digital Natives werden komplett überschätzt

ZEIT, Martin Spiewak: Virtuosen am Daddelgerät

Futurezone: Auch “Digital Natives” müssen Umgang mit Technik lernen

Fraunhofer-Studie: “Digital Natives” – Grenzenlos agil?