Ich finde diese Zeit in Sachen Mobilität mindestens so aufregend und spannend, wie seinerzeit den Umstieg von der Pferdekutsche auf dieses Vehikel von Carl Benz, dem Patent-Motorwagen Nr. 3 mit Ottomotor. Seinen kommerziellen Erfolg hatte der nicht zuletzt der Aufsehen erregenden Langstreckenfahrt von Ehegattin Bertha Benz zu verdanken, die sich 1888 mit ihren Söhnen von Mannheim nach Pforzheim aufmachte. Getankt haben sie den Verbrenner auf der 106km langen Strecke in Wiesloch bei einer Apotheke: Mit dem Leichtbenzin Ligroin.

Heute würde man zu dieser Tour wohl sagen: Road Show. Es war eine effektive Marketingmaßnahme. Denn so richtig überzeugt waren die potentiellen Kunden vorher noch nicht von diesem pferdlosen Gefährt. Danach schrieb es Erfolgsgeschichte. Es war eine Revolution in der individuellen Fortbewegung!

Der alternative Antrieb anno 1888

Wer weiß, wie die Geschichte der Mobilität verlaufen wäre, wenn Bertha sich nicht auf den Weg gemacht hätte? Denn bereits im selben Jahr gab es erste Experimente mit strombetriebenen Antrieben. Mit seinem Flocken-Elektrowagen fuhr der Coburger Fabrikant Andreas Flocken in zwei Stunden ins rund 30km entfernte Redwitz. Doch die Reichweite war schon damals ein Problem: Bis zum Wasserkraftwerk, wo das Gefährt für die Rückfahrt aufgeladen werden konnte, mussten ihm die Redwitzer mit ihrer Muskelkraft helfen: Schieben.

Daimlers erstes Elektroauto: Der Mercedes EQC

130 Jahre später. Heute, also gerade eben, hat Daimler unter der neuen Technologiemarke EQ sein erstes* rein elektrisches Serienfahrzeug in Stockholm vorgestellt: Den Mercedes EQC.

Das da oben ist er, der neue EQC: Modern und doch vertraut. Nicht das nach der Vorstellung des Konzepts zum Teil befürchtete “Space Car”, das so manchem traditionellen Mercedes-Fahrer ein bisschen zu sehr nach Science Fiction ausgesehen hätte. Das könnt Ihr unten sehen.

Mir persönlich hätte aber ein deutlicheres eDesign-Statement gut gefallen. Denn schließlich geht es damit auch in ein neues Zeitalter, und es hätte sicher auch einer jüngeren Zielgruppe zugesagt.

Mit 4,76m ist der EQC rund 3 cm länger als das Mercedes-Benz GLC Coupé. Er hat noch Rückspiegel, statt der am Konzept vorgestellten Kameras. Und auch das Heck wirkt noch deutlich traditioneller als im Konzept. Zumal sich dort – völlig unverständlicherweise – an Endrohrblenden erinnernde Designelemente befinden, die schon bei Verbrennern allgemein als unverzeihliche Designsünde gelten.

eSUV mit On-Board-Lader

Bis zu 450 Kilometer soll der Elektro-SUV mit den Fahreigenschaften eines Allradantriebs erreichen können, bevor er aufgeladen werden muss, was natürlich von Eurer Fahrweise und auch von den Außentemperaturen abhängig ist. Kennt Ihr vom Smartphone: Daddelt Ihr viel und ist es kalt, macht auch der Akku schneller schlapp.

Mit einer Nennleistung von 300kW/408 PS erreicht er eine Spitzengeschwindigkeit von 180 km/h (abgeregelt), die er in 5,1 Sekunden erreicht. Mit den von Verbrennern gewohnten PS/Speed-Angaben ist die Leistung aber so nicht zu vergleichen. Vielleicht widme ich dem Thema demnächst mal einen eigenen Artikel.

Einfach aufladen, den EQCViel wichtiger ist aber auch: Wie schnell kann er aufgeladen werden?
Für die Techies unter Euch zitiere ich hier einfach mal aus der Pressemitteilung: “Der EQC verfügt serienmäßig über einen wassergekühlten On-Board-Lader (OBL) mit einer Leistung von 7,4 kW und ist damit für das Wechselstrom- (AC-) Laden zu Hause und an öffentlichen Ladestationen vorbereitet.

Bis zu drei Mal schneller als an einer Haushaltssteckdose erfolgt das Laden an einer Mercedes-Benz Wallbox. Und noch schneller geht es über Gleichstromladen – beim EQC serienmäßig – zum Beispiel via CCS (Combined Charging Systems) in Europa und den USA sowie CHAdeMO in Japan oder GB/T in China. Abhängig vom SoC (Status of Charge, deutsch: Ladestand) lädt der EQC an einer entsprechenden Ladestation mit einer maximalen Leistung von bis zu 110 kW. Die Ladezeit beträgt dann etwa 40 Minuten von 10 – 80 Prozent SoC (vorläufige Angabe).”

Alles klar?

Die Akku-Plattform

Die Akku-Plattform im EQC

Daheim und unterwegs

Mit der Wallbox kann also schnell und effizient zuhause geladen werden. Und ideal wäre immer das Gleichstromladen. Aber wie sieht es inzwischen mit der Lade-Infrastruktur in Deutschland aus? Komme ich von Hamburg nach München ohne stundenlange Aufenthalte? Oder gar Liegenbleiben?

Daimler verspricht, dass Mercedes-Benz Kunden über die EQ-optimierte Navigation Ladestationen leicht finden können. Sie erhalten außerdem über Mercedes me Charge Zugang zu Ladesäulen zahlreicher Anbieter, auch im Ausland. Über MBUX kann das Auto dann auch einfach gefragt werden: “Hallo Mercedes, wo ist die nächste Ladestation?”

Wann und wieviel?

Mitte 2019 soll der EQC auf den Markt kommen. Den Preis reiche ich nach, sobald er veröffentlicht wurde. Es wird aber gemunkelt, dass er unter 70.000 Euro liegen soll 😉

Es stromert allerorten, aber…

Übernächste Woche wird in San Francisco Audis e-tron vorgestellt. Ebenfalls ein eSUV, ebenfalls mit reinem Elektroantrieb, kein Hybrid mehr, wie der Audi Q7 e-tron oder der Audi A3 Sportback e-tron. Gestern ist dazu die Serienproduktion in Brüssel gestartet. Robert Basic hat die beiden eSUVs bei Mobile Geeks schon mal verglichen.

Weder Audi noch Daimler erfinden mit ihren eSUVs aber das Rad neu. Stromer wie der Tesla Roadster und der Nissan Leaf fahren bereits seit zehn, bzw. acht Jahren auf unseren Straßen, ganz unaufgeregt und von Überzeugungstätern. Denn die mussten sich mit der immer noch dürftigen Ladestruktur arrangieren und sich an eine andere Art zu reisen gewöhnen.

Und längst hätte sich viel früher und intensiver mit diesem alternativen Antrieb auseinandergesetzt werden können, denn es ist schon lange klar, dass die bisherigen Verbrenner nicht der Weisheit letzter Schluss sein können.

Warum hat es also 120 Jahre gedauert seit dem ersten Elektro-Auto, bis diese Idee wieder neu auf die Straße kommt?

Wie würde unsere Welt heute aussehen, wenn wir seit 130 Jahren Elektroautos fahren würden? Vielleicht hätten alle Parkplätze Induktionsladestationen, und es hätte nie Diskussionen über schlechte Luftqualität in Städten gegeben.

Vielleicht würden wir heute aber auch auf Millionen Tonnen von alten Batterien sitzen, die auf eine andere Weise unsere Umwelt bedrohen würden, als der heutige Feinstaub aus Verbrennermotoren.

So sehr ich also die nicht erst seit dem Dieselskandal nötigen Bestrebungen, auf alternative Antriebe zu setzen, begrüße. So sehr hoffe ich, dass auch an weiteren Alternativantrieben wie zum Beispiel mit Wasserstoff weiter geforscht wird. Damit wir nicht irgendwann wieder das Gefühl haben müssen, uns zu lange auf nur ein Pferd verlassen zu haben…

Impressionen des neuen Mercedes-Benz EQC

Weiterführende Links

Don Dahlmann: Mercedes EQC – Die ersten Daten, Bilder und Preis des E-SUV

Ecario: Mercedes-Benz EQC – Weltpremiere

Electric Drive: E-Mobilität wird Benz: Mercedes EQC ab Mitte 2019

electrive.net: Mercedes-Benz EQC feiert Premiere in Stockholm

mbpassionblog: Der Mercedes-Benz unter den Elektrofahrzeugen

Mobile Geeks, Robert Basic: Mercedes EQC: Es ist ein Mercedes

Rad ab: Die wichtigsten Fakten zum 2019 Mercedes-Benz EQC 400 4MATIC – BR N293

Video der Pressekonferenz in Stockholm

*Erster e?!

*Okay, das mit dem ersten Elektro-Auto unter Daimlers Dach stimmt nicht so ganz: Bereits seit Jahren fährt der Smart ED, der jetzt zur EQ-Gruppe gehört und deshalb auch Smart EQ heißt, unter anderem mit Elektromotoren, und ab 2020 soll er nur noch elektrisch fahren. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…