In ROT?!” fragt der Gatte. Rote Autos, da waren wir uns immer einig, sind was für Aufmerksamkeitserreger. Die Familie bevorzugt Understatement-Farben. Grau in allen Schattierungen. Schwarz, am liebsten mattschwarz gerollt. Zumindest bei den gebrauchten Kisten. Blautöne. Nun erwarte ich also einen roten Testwagen. Einen Audi TT. Oder genauer: Einen tangoroten Audi TT Coupé 2.0 TFSI quattro S tronic, mit 230 PS. Es ist mein erster Sportwagen.

Ich bin ein erklärter SUV-Fan und teste normalerweise eher familien- und reisekompatible Fahrzeuge. Diesmal habe ich um einen Sportwagen gebeten, der mir auch als chice Umgebung für ein Interview mit einer toughen Lady angemessen erscheint.

Leuchtende Augen beim Fahrer

Ich gebe zu, als der Fahrer mit dem roten TT anrollt, ist es für mich erst mal ein Schock. JA, er sieht umwerfend aus in diesem Rot. Unanständig gut. Er ist tangorot. Und JA, er fällt auf. So richtig. Auch das Leuchten in den Augen des Fahrers.

Audi TT

Neben diesem Rot sieht alles andere blass aus.

Begrüßung, hatten Sie eine gute Fahrt, wo soll ich die Übernahme unterschreiben, soll ich Sie zum Bahnhof bringen, das Übliche. “Ach, das wäre ja sehr nett!” sagt er. Hier in der schleswig-holsteinischen Pampa bleiben auch nicht allzuviele Alternativen. “Wollen Sie das letzte Stück noch fahren?” frage ich. Es geht einfach schneller, ich gleite auf den Beifahrersitz, bevor der Fahrer sich entscheiden kann. Aber der hat eh nichts dagegen – obwohl bereits über sechs Stunden Fahrt hinter ihm liegen.

“Also,” erzählt er “Ich bin wirklich überrascht. Das ist ja hier der ‘normale’ TT, kein RS oder so. Aber der macht trotzdem so richtig Spaß!” Ich lächle still. Die Überführungsfahrer sind noch ganz andere Kaliber gewohnt, PS-Monster wie den R8. Aber die 230 Pferdchen im 2.0 TFSI haben genug Bumms. Was er mir gleich zwischen zwei Dörfern beweist: Drive select auf Dynamic, umschalten auf S wie Sportmodus (oder wie Schakkalaka!), ein bisschen Gas geben, schon werde ich in den Beifahrersitz gedrückt und der Sound tönt aus dem Vollen. Ich bin froh, dass uns nicht gerade ein Trekker entgegenkommt.

Der Hingucker, der Aufmucker

Am Bahnhof übernehme ich den roten Flitzer, und ja, er fällt auf. So richtig. Ein paar Jungs, nicht viel älter als meine, johlen mir hinterher. Ich seufze. Ist mir schon länger nicht mehr passiert. Dieses Auto…

Am nächsten Tag packe ich meine Kameratasche in den für so ein Sportcoupé erstaunlich geräumigen Kofferraum, und dann geht es erst mal auf die Autobahn. Mal sehen, wie er sich dort anfühlt. Auf der A24 Richtung Berlin wurden die Freifahrstrecken deutlich reduziert, aber irgendwo hinter Hornbek kann ich endlich etwas Gas geben. Natürlich auf Dynamic, natürlich mit S wie Schakkalaka! Schakkala bedeutet: Du klebst auf der Straße und das Auto reagiert auf jede kleine Bewegung Deines Lenkrads. Das Auto nimmt Deine Anweisungen unmittelbar auf, schnell, präzise, Du fühlst Dich sicher. Und Du hast Spaß.

Während ich die ungewohnt freie Strecke genieße, wandern meine Gedanken zu meinem geplanten Interview. Welche Fragen werde ich stellen, wie würde ich die selbst beantworten? Im Geiste frage ich mich: “Würdest Du Dich selbst eher als entspannten Cruiser oder sportlichen Speedster bezeichnen?” Und als ich mir selbst antworte: “Cruiser…” fällt mein Blick aufs Tacho. 212 km/h und ich habs nicht mal gemerkt. Ich nehme den Fuß vom Gas und reihe mich auf die Mittelspur ein. Das muss ich erst mal sacken lassen.

Ooooh, F***ck! Was ist DAS?

Ich schaue in den Rückspiegel – und mein Herz setzt einen Schlag lang aus. Was ist DAS denn? Hab ich den Kofferraum etwa nicht richtig zu gemacht??! Panik! Ich fahre auf die rechte Spur gehe deutlich vom Gas und schaue immer wieder besorgt in den Rückspiegel. Das Teil, das ich nicht zuordnen kann, und das aussieht, als würde es jeden Moment einen Abflug machen, ist noch da. Ich visiere die nächste Ausfahrt an, Blinker rechts, Fuß vom Gas, Kurve, Blick in den Rückspiegel… What??!! Es ist WEG!! WAS zur Hölle hab ich da verloren?! Hab ich jemanden getroffen??!

Ich fahre bei nächster Gelegenheit rechts ran und springe aus dem Auto. Eile zum Heck – und starre ratlos auf diesen runden, prallen, ausladenden, und vor allem völlig unversehrt wirkenden tangoroten Hintern. Ich brauche noch eine Sekunde, zwei. Dann breche ich in einen unkontrollierten Lachanfall aus. Ja, lieber Autoblogger-Kollegen, lacht nur mit. 😛 Ihr ahnt es schon: Das was ich da im Rückspiegel gesehen habe, war natürlich der Spoiler, der sich bei 120 km/h ausfährt und bei 80 km/h wieder harmonisch an den runden TT-Hintern schmiegt. Ich lache immer noch…

Audi TT Heck

Hat hier zufällig jemand einen Spoiler gesehen…?

Interieur: Sportler im Retro-Design

Der TT gilt als Stil-Ikone. Als ich den ersten vor 20 Jahren gesehen habe, war ich schon ein bisschen verliebt in seine runden Kurven, auch wenn Sportwagen nie so richtig mein Ding waren. Dafür bin ich im Grunde einfach zu pragmatisch. Aber ich bin in VW Käfern aufgewachsen, in diesen herrlich runden Kultautos, und der TT wirkte damals wie eine sportliche moderne Reinkarnation für mich!

Bis heute ist der Audi TT rund und unverwechselbar, auch wenn er deutlich schnittiger in der Silhouette und aggressiver im Blick geworden ist. Und entgegen seiner “Kollegen” auch mit deutlich reduzierten Armaturen auskommt – im Retro-Look.

Kein Mitteldisplay lenkt den Blick ab, und ich habe es auch nicht vermisst: Das Visual Cockpit reicht für die Bedienung, Informationen und Navi vollkommen aus. Mit dem Drehdrücksteller mit Touchpad (MMI Navigation plus)  in der Mittelkonsole und Tasten am Lenkrad kann ich hier durch alle Punkte durchnavigieren, und die Lautstärke wird gewohnt und fast oldschool an einem eigenen Regler eingestellt.

Mittig in den Belüftungsdüsen zeigen kleine runde Displays Werte wie Innentemperatur, Klimaanlagen-Status und Sitzheizung an, und mit den Ringen an den Düsen lassen sich diese Komponenten auch bedienen. Das hat etwas Unmittelbares im Gegensatz zu der sonst üblichen zentralen Bedienung anderer moderner Fahrzeuge.

Limitierte Auflage

Zum 20jährigen Jubiläum des Design-Klassikers hat Audi dem Sportwagen ein Facelift verpasst – In einer limitierten Auflage. Wie diese Sonderedition aussieht und was sie ausmacht, erklären zum Beispiel die Kollegen

Benjamin Brodbeck von Automativ

Jan Weizenecker von Der Autotester, 

Bernd Conrad von Autonotizen (der klingt ein wenig enttäuscht)

Impressionen in tangorot

Hier noch einige Impressionen des Sportlers, der für mich auch einfach tangorot sein muss. Understatement my ass 😉

Audi TT

P.S.: Bitte? Ob man so ein Auto braucht?

Was soll denn die Frage? Nein, natürlich “braucht” niemand so ein Auto. Wozu braucht man Autos überhaupt? Um von A nach B zu kommen, zum Transport, und das war es. Das könnte auch ein alter Peugeot immer noch leisten.

Ein Sportwagen macht vor allem dem Spaß, der sich einen leisten kann und möchte, und er macht am meisten dort Spaß, wo man Gas geben kann. Die Zeiten, in denen das auf deutschen Autobahnen fast überall ungehemmt möglich war, sind längst vorbei. Und selbst dort, wo kein Tempolimit herrscht, bekommt man selten die Gelegenheit so ein Auto mal auszufahren, weil heute einfach ständig viel zu viele Autos unterwegs sind.

Ich teste und fahre diese Autos, weil ich es jetzt noch kann. Denn es wird einfach etwas anderes sein, wenn wir in einigen Jahren ohne den Sound eines Verbrenners unterwegs sein werden, und sich – hoffentlich – die Kultur des Car Sharings durchgesetzt hat. Einfach weil es sinnlos ist, dass sich jeden Tag Millionen Menschen in Millionen Autos bewegen – und allein dabei sind.

Über die Mobilität der Zukunft habe ich – in eben jenem Audi TT – ja bereits mit Heike Scholz sinniert

Ich glaube, dass Fahrzeuge, die unser Klima belasten, in nicht mehr allzu ferner Zukunft Fahrzeugen mit emissionsarmen Antrieben Platz machen werden. Und das wird – so die Hersteller ihre diesbezüglichen Entwicklungen weiter treiben – auch nicht mehr allzu lange dauern, denn allen ist sowohl im Sinne unserer Umwelt als auch aus wirtschaftlicher Sicht klar, dass es nicht weitergehen kann wie bisher.

Die Stimmen der Kunden nach alternativen Antrieben werden mit jeder Vorstellung eines neuen Fahrzeugs lauter und ungehaltener, wenn diese Fahrzeuge nur mit Verbrenner-Motoren gelauncht werden – mit Recht.

Die kleine Unvernunft

Trotzdem bleibt da auch bei mir noch ein bisschen Unvernunft: Auch wenn ich kein Petrolhead bin, gehöre ich zu den Leuten denen es Spaß macht, mal so ein lautes wildes Auto zu fahren. Und irgendwann werde ich meinen Enkeln erzählen: “Weißt Du, damals, da sind alle Menschen mit ihrem eigenen Auto rumgefahren. Alleine! Allein in Deutschland waren jeden Tag so viele Autos unterwegs, dass wir Deutschen im Jahr zusammengenommen 570.000 Jahre im STAU standen! Was für ein Irrsinn! Kannst Du Dir das vorstellen, dass wir soviel Zeit vergeudet haben? Und dass in jedem Auto, in dem fünf Menschen Platz gehabt hätten, fast immer nur ein einziger Mensch saß? Und das STANK! In den Städten und im Stau stank es immer ganz unerträglich. Aber wir waren ja dran gewöhnt. Heute wäre das undenkbar… ”

Und dann, dann werde ich nach einer Pause mit einer kleinen unvernünftigen Sehnsucht in der Stimme weiter erzählen: “Aber weißt Du, ganz manchmal, wenn man ein tolles Auto fahren konnte und die Straßen mal leer waren, dann war das schon ein ziemlich cooles Gefühl mit so einem lauten chicen Auto so richtig Gas geben zu können. Das wird es so nie wieder geben.”

Ganz so, wie ich heute irgendwie sehnsüchtig an meinen alten Kadett denke, den ich auf eine ganz bestimmte Art ganz ganz toll fand. Aber trotzdem nie wieder haben wollen würde…