Wir schreiben das Jahr 2005. Es ist ein unwirtlicher Herbst im Bergischen Land, und unser treuer Volvo 740 GL Kombi macht schlapp. In unserer Lebensituation ein Desaster, nicht nur weil wir hier, mitten in der bergischen Pampa, auf das Auto angewiesen sind. Unsere Finanzen sind runter gerockt, nach zwei Umzügen quer durchs Land wegen erzwungenen Jobwechseln. Jetzt stehen wir ratlos vor unserem Packesel und wissen nicht weiter.

“Ich kenne da jemanden mit einer Werkstatt.” sagt der Nachbar, der neben uns steht und mit uns dem bedrohlichen Klonkern des Motors lauscht. “Die machen Euch vermutlich einen fairen Preis.”

Ich telefoniere mit dem Chef dieser Werkstatt. “Lass mal hören.” sagt der. Ich halte das Handy in den Motorraum. Dann nehme ich es wieder ans Ohr. “Und?” frage ich. Stille am anderen Ende der Leitung. Dann murmelt er: “Getriebe.” Und ich sage: “Oh!” Wieder Stille am anderen Ende der Leitung. Dann murmelt er: “Hab einen 740 auf dem Hof. Schlachten wir.” Den Preis, den er mir macht, habe ich vergessen. Aber er ist deutlich attraktiver als der, den die ansässige Werkstatt uns genannt hat. “Wir lange wird das dauern?” frage ich. Ich habe niemanden, der mich wieder zurück bringen kann. “Zwei Stunden.” sagt der Mechaniker. “Kann ich warten?” frage ich. “Jo.”

Mit kaputtem Getriebe über die Serpentinen

Ich mache mich auf den Weg. 23 Kilometer mit einem unüberhörbaren Volvo, durch den hügeligen Rhein-Sieg-Kreis, rauf und runter in Serpentinen, und nicht immer mit allen Gängen. Als ich ankomme Warnschildfinde ich einen Schrottplatz vor und schlucke. Hoffentlich wird unsere Familienkutsche nicht am Ende doch dauerhaft hier landen.

Ich stelle den Wagen vor einem Tor ab. Nicht zu nah, denn der Schriftzug an der Tür neben dem Tor ist unmissverständlich. Ich trete ein. An der Decke flimmert eine Neonfunzel. Es riecht nach Sprit, Öl, Kühlmitteln und entfernt nach etwas ähnlichem wie Kaffee.

Ich durchquere das Chaos. Öltonnen, Öltrichter, ölverschmierte Plastikkisten mit ungeordneten Ersatzteilen auf dem Boden, Motorblöcke an Kränen. In einer Ecke steht ein Kaffeeautomat, und ich würde wetten, dass er Öl statt Kaffee ausspuckt.

In einem Raum am Ende der Halle finde ich Andreas. Sein Bart reicht ihm bis zur Brust. Ich nehme an, dass er eigentlich weiß ist. Gerade im Moment zwirbelt Andreas ihn durch seine ölverschmierten Hände. “Hallo. Ich hatte angerufen.” sage ich. “Der 740.” sagt er.

Er kommt mit in die Halle, drückt auf einen großen roten Knopf. Unter Ächzen bewegt sich das große Rolltor nach oben. Ich fahre den Volvo hinein. Und hoffe das Beste.

Hm. Hm. Hm.

KaffeeautomatAls unser Familienschiff auf der wenig vertrauenserweckenden Bühne schwebt, steht Andreas mit seinem jungen Kollegen Fabio unter dem Auto. Eine Neonröhre beleuchtet schwach die Gesichter der beiden. Sie zeigen. Sie murmeln. Hm. Hm. Hm. Andreas zieht einmal mehr seinen Bart durch die öligen Hände.

Dann verschwindet der Alte in seinem Raum. Fabio macht sich ans Werk. Ich stehe unschlüssig rum. Im Umkreis von 10 Kilometern gibt es nichts, kein Café, keine Tankstelle, einfach nichts.

Ich räuspere mich. Fabio sagt: “Nehmen Sie sich eine Kaffee und setzen Sie sich, das dauert hier jetzt was.” Ich starre den Kaffeeautomaten an. Dann Fabio. “Nicht DEN Kaffee.” sagt er. “Den im Büro. Da gibt es auch einen Stuhl.” Ich atme auf.

Im Büro sitzt Andreas vor einem überraschend aufgeräumten Schreibtisch und telefoniert. Das heißt, eigentlich lauscht er in die Muschel und gibt ab und an ein “Hm. Hm. Hm. ” von sich. Er deutet auf die Kaffeemaschine mit frisch aufgebrühtem Kaffee und auf den Stuhl neben der Tür. Ich schenke mir den Kaffee ein, leere vier Plastikdöschen mit Kondensmilch hinein und reiße drei Päckchen Zucker auf, um das Gesöff zu süßen. Hier würde ich nun einige Zeit verbringen.

Löcher in der Wand

Wir schreiben das Jahr 2005 und es gibt noch keine Smartphones. Ich muss also mein Unwohlsein damit überspielen, dass ich Löcher in die Wand starre. Ich versuche es mit Konversation.

“Das ist ja eine spannende Werkstatt. Seit wann machen Sie das schon?” “Lange.”

“Sind Sie hier aus der Gegend?” “Nein.”

“Leben Sie schon lange hier?” “Ja.”

Nun gut. Es ist kalt. Und ich komme mir doof vor neben dem einsilbigen Andreas mit seinem Ölbart. Ich frage ihn, ob ich in seiner Werkstatt Fotos machen darf. Da schaut er das erste mal auf.

“Was willst Du denn fotografieren?” “Alles.” sage ich. Ich schaffe es nicht bei meiner Einwort-Antwort zu bleiben und erkläre: “Ich bin Fotografin, und ich immer auf der Suche nach interessanten Locations. Hier gibt es viele Details, die ich fotografieren könnte. Außerdem ist mir kalt und langweilig.”

Andreas guckt mich lange an. Dann nickt er und schaut wieder auf seine Unterlagen.

Fotosafari in Öl

Ich lasse mir eine Leiter geben und hole meine Fototasche aus unserem aufgebockten Auto. In den nächsten Stunden bin ich damit beschäftigt, Fabio bei der Reparatur unseres Volvos zuzuschauen und die Werkstatt nach Motiven abzusuchen. Irgendwann im Laufe dieser Zeit wird klar, dass es mit zwei Stunden nicht getan sein wird…

Fünf Stunden später

Zu Fabio hat sich ein weiter Kollege hinzu gesellt, und ein Praktikant, und irgendwann kommt auch Andreas nochmal gucken. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass das Austausch-Getriebe nicht einwandfrei passt, die Kardanwelle zu lang ist, und das Ganze doch aufwändiger wird, als erwartet.

Ich bekomme eines der Autos, die auf dem Hof stehen, nachdem der Praktikant Nummernschilder drangeschraubt hat. Ich stelle keine Fragen und fahre unterkühlt und in banger Erwartung nach Hause.

Am nächsten Tag kann ich unseren Volvo abholen. Die Rechnung fällt ganze 30 Euro teurer aus als besprochen, damit kann ich nach all dem Aufwand leben.

Überraschenderweise hat unser Volvo es mit seinem maßgeschneiderten Austauschgetriebe noch durch den nächsten TÜV geschafft und hat uns sicher nach Schleswig-Holstein umgezogen, bevor wir ihn mit einem Plymouth ersetzen mussten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…